Pisa Calcio – US Massese

Sonntag, 28.05.2006, 15 Uhr, Stadio Romeo Anconetani (16.000 Plätze)

Pisa liegt glücklicherweise ganz in der Nähe unseres Urlaubsortes und nachdem ich vorgeschlagen hatte, Mantovas Heimspiel zu besuchen, was jedoch etwas weit weg war, „begnügten“ wir uns mit dem o.g. Spiel. Es war das Rückspiel im Abstiegs-Play-Out (ja, so heißt das in Italien), Massa hatte das Hinspiel 1:0 gewonnen und Pisa braucht nun einen Sieg, um noch die Klasse zu erhalten. Wie das? Pisa war in der Abschlusstabelle der Serie C1 (3. Liga) besser platziert und bei Gleichstand würden sie drin bleiben, die europäisch Auswärtstorregelung gibt es nicht. Also ganz gute Vorzeichen für ein spannendes Spiel, zumal man in Pisa alles andere als glücklich mit der abgelaufenen Saison war, man hatte sich wohl mehr versprochen.

Das Stadion ist Pisa ist für deutsche Verhältnisse reichlich heruntergekommen, strahlt aber irgendwie dann doch so etwas wie Flair aus – anders als viele moderne „Arenen“. Karten kaufen, aber wo? Die Polizei erklärte uns den Weg zur Geschäftsstelle, da saßen ein paar junge Männer herum, die uns Tickets verkauften. Wir hatten uns Karten für die Haupttribüne gesichert und schlenderten vor dem Spiel noch etwas durch die Gegend. Gleich hinter dem Stadion, ca. 400m entfernt, befindet sich der Teil der alten Stadtmauer und dahinter verbirgt sich das bekannte Wahrzeichen Pisas: der schiefe Turm und gleich daneben der Dom. Sehr nett anzuschauen (so, Kulturteil ruckzuck abgehechelt).

Zurück zum Stadion, da trafen wir dann ein paar Karlsruher Ultras, die Kontakte zu Pisa pflegen. Das Publikum in Pisa ist wohltuend alternativ angehaucht. Die größten Ultragruppen in Pisa sind wohl die Sconvolts, die Wanderers und Rangers.

pisaWir nahmen unsere Plätze auf der Haupttribüne ein, eingerahmt von einigen älteren Pisani, die uns auf italienisch vollquatschten und irgendwann dann begriffen, dass wir maximal Bahnhof verstanden. Aus Massa waren etwa 600 Tifosi mitgereist und unterstützten ihr Team von Beginn an. Um sich gegen die stimmgewaltigeren Pisani zu behaupten, hatte man massig Trillerpfeifen im Gepäck. Anders als in Deutschland wurden diese dann aber wirklich gut eingesetzt und nicht einfach nur stumpf 90 Minuten lang reingeblasen. Das Spiel war sportlich gesehen grausam, man sah, dass es hier für beide Seiten um alles ging. Pisa erzielte in der ersten Halbzeit überraschend aber nicht unverdient das 1:0, das Stadion kochte und tobte. Der Torschütze entledigte sich seines Trikots und stürmte in Richtung Haupttribüne. Die Leute gingen richtig gut ab, schon ganz anders als zuhause – und das hier ist die dritte Liga, Abstiegskampf.

Nach der Halbzeit, Massese schien klinisch tot, erzielen die Gäste aus heiterem Himmel den Ausgleich. Und das nur zu zehnt, denn in der ersten Halbzeit war ein Spieler von Massa nach einer Tätlichkeit zu Recht vom Platz geflogen. Pisa fiel nun wirklich nichts mehr ein, spielte immer hektischer und unkonzentrierter. Selbst ein zweiter Platzverweis gegen Massese schien das Spiel nicht mehr zu kippen.

Also beschlossen etliche Pisa-Ultras ihrem Frust über die abgelaufene Saison Ausdruck zu verleihen. Etwa 50 von ihnen tauchten auf der Gegentribüne auf und entsorgten Bengalen und einige Sitzschalen auf dem Platz. Was in Deutschland unmittelbar zu einer Unterbrechung oder Abbruch geführt hätte, führte hier zwar zu Protesten der anderen Zuschauer. Diese richteten sich aber zu einem nicht unerheblichen Teil gegen den eigenen Vorstand, auch auf der Haupttribüne sammelte sich ein Haufen älterer, gepflegter Personen, die in Richtung Vorstand pöbelten und drohten. Irgendwann flog auch ein Böller auf den Platz, daraufhin flüchtete die Gastmannschaft und bekniete den Schiri, das Spiel abzubrechen. Dieser ließ jedoch weiter spielen. Kurze Zeit später flogen wieder Bengalen aufs Spielfeld, wieder wurde unterbrochen. Dann gings weiter und die nächsten Bengalen interessierten niemanden mehr. Pisa traf die Latte, das Stadion schickte sich an, wieder durchzudrehen. Der Schiri ließ weiterlaufen, die Minuten verrannen und eigentlich war die Zeit schon lange abgelaufen. Dann eine Flanke aus dem rechten Halbfeld, Massese spielt auf Abseits, der Mittelstürmer Pisas steht frei und köpft den Ball ins Tor. Das Stadion steht total Kopf, der Torschütze jagt durchs Stadion in Richtung Fankurve, alle rasten aus, Ersatzspieler und Betreuer rennen auf den Platz.

Gleich danach pfeift der Schiedsrichter das Spiel ab. Die Spieler wollen nun noch auf dem Platz feiern und sich von den Fans feiern lassen. Das missfällt offenkundig einigen Pisanu, einem ganz besonders. Der marschiert nur mit Jeans bekleidet auf den Platz und knallt dem feiernden Torwart direkt eine ins Gesicht. Nachdem er scheinbar von einem Offiziellen beruhigt wurde, bemerkt er, dass der Rest der Mannschaft die verkorkste Saison immer noch feiert und geht auf diese los, er pöbelt sie an, droht und jagt sie regelrecht in die Kabine. Danach lässt er sich dann beruhigen und zur Tribüne führen. Reaktion des Publikums: es beklatscht den Fan. In Deutschland wäre das Spiel wohl schon lange abgebrochen worden und die Medien hätten am nächsten Tag zur großen Jagd auf die Fußballverbrecher und sogenannte Fans (natürlich in Anführungsstrichen) gebliesen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s