US Palermo – SS Lazio Rom

Sonntag, 23.12.2007, 15 Uhr, Stadio Renzo Barbara/La Favorita (37.000 Plätze)

17. Spieltag, Serie A

Urlaub auf Sizilien, was liegt da näher, als ein Spiel der Serie A nur 50 km entfernt vom Urlaubsort zu besuchen? Eben – besser geht’s fast gar nicht. Dank der bescheuerten Gesetze in Italien war es sicherer, die Karten einen Tag vorher zu besorgen. Leichter gesagt als getan, in unserer 4.000 Seelen Gemeinde gab es zwar mehrere „Tabacchi“, aber in keiner konnte man „Biglietti“ für ein Spiel kaufen. Also gings mit dem einmaligen Gastgeber Francesco in den nächsten größeren Ort. Dort konnte ich dann endlich Karten kaufen, der Besitzer des „Tabacchi“ sprach auch noch fließend deutsch, er hatte viele Jahre in Paderborn gelebt und dort auch für den TuS Schloß-Neuhaus gespielt, zusammen mit der Schande von Lippstadt auch noch für Borussia Lippstadt. Lustiges Gespräch, ein anwesender Laziali bekam dummerweise keine Karte, da es nirgendwo Karten für den Gästeblock gibt und er ihm keine anderen verkaufen durfte. Krankes Land, was Fußball angeht. Vor ein paar Jahren wohl noch unvorstellbar.

US Palermo - SS Lazio Rom

US Palermo - SS Lazio Rom

Am nächsten Tag fuhren wir gegen mittag nach Palermo, das Stadion „La Favorita“ liegt recht nah an der Autobahn, einen Parkplatz hatten wir auch nach einer Runde schnell gefunden. Dann auf zum Stadion, dort noch schnell den obligatorischen Seidenschal für die Sammlung gekauft. Vor dem Stadion stehen wie immer in Italien dieselben Fressbuden, dazu noch Pistazien-Verkäufer. Geparkt wird hier in Palermo wie es gerade passt, am Ende ist der Kreisverkehr direkt vor dem Stadion quasi zugeparkt. Natürlich hunderte von Motorrollen und die üblichen lässigen Sonnenbrillenträger. Am Stadion konnte man erwartungsgemäß wieder mal keine Karten kaufen – wen wundert es da noch, dass das Stadion nicht voll wird? Außerhalb des Stadions ein erster Zaun, den man nur mit Karte und „Documenti“ (also Ausweis) passieren konnte. Dann der eigentliche Eingang, der inzwischen auch elektronisch erfolgt, wie es jetzt überall in Italiens erster Liga Pflicht ist.

Das Stadion ist ein reines Fußballstadion, dass direkt an einem grossen Berg liegt, ein nettes Panorama also. Die Haupttribüne ist überdacht, der Rest des Stadions nicht. Der Gästeblock komplett eingezäunt und mit Netzen überspannt. Das Stadion hat 2 Ränge und ist an diesem Nachmittag mehr schlecht als recht gefüllt, 20.000 würde ich schätzen und damit noch einer der besser besuchten Stadien Italiens.

Wir hatten uns für Karten in der Curva Nord entschieden, da die Karten auf der Haupttribüne unverschämt teuer waren – 65,- EUR hatte man dafür aufgerufen. Wir zahlten nur 15,- EUR, dafür gabs kein Dach. Wir suchten uns Plätze am Rande der Kurve, um nicht mitten im harten Kern zu stehen. Im Gegensatz zu anderen Kurven des Landes hingen hier vor dem Block die Fahnen der großen Gruppen („Brigate Rossa Negri“, „Warrior Ultras“ etc.). Ob die Gruppen diese Fahnen nun wie gefordert, anmelden oder ob es ein Entgegenkommen des Vereins ist, ist mir nicht bewußt. Gäste sind auch da, handgezählte 22 Leute mit einer „Curva Nord – Gabriele Sandri“ Fahne, die sich während des Spiels nicht einmal bemerkbar machen sollten. Auf der Heimseite kann ich drei Gruppen ausmachen, eine große im Unterrang, etwa 150 eher jüngere Leute. Dann zwei im Oberrang, eine im Nordwesten, etwa 60-70 Mann und in der Mitte die größte Gruppe, die sicher mehrere hundert Leute umfasste und als einzige in der Lage war, während des Spiels die Kurve ab und an mitzureißen.

Das Spiel beginnt mit einer Schweigeminute und einem Banner „Gabbo vive!“ in der Südkurve von der vierten anwesenden Gruppe, die etwa 100 Leute stark war. Hier hing keine Zaunfahne, dafür wurde fleißig gefackelt. Allerdings im deutschen Stil, der Bengalo fand sich brennend auf dem Boden wieder.

Die drei Gruppen der Nordkurve sangen nun konsequent gegeneinander, wobei die kleinste Gruppe am wenigsten zu bestellen hatte. Sang die eine, schwieg die andere und umgekehrt. Die Gruppe aus dem Unterrang sang teilweise brachial laut und mit einer Intensität, von der sich wohl nahezu alle sogenannten deutschen Ultras 7-8 Scheiben abschneiden dürfen. Selbst eher melodiöse Lieder klangen so richtig satt und aggressiv. Gleiches gilt für die Hauptgruppen im Oberrang, die aber auch oft schwiegen. Der Hauptgruppe (vermutlich Boys Zen, Warrior Ultras und Brigate Rossa-Negri) gelang es als einzige, immer wieder den Rest der Kurve zu animieren, viele Tifosi saßen aber nur herum, klatschten mal oder sangen 2-3 mal im Spiel mit. Sehr merkwürdige Stimmung, erinnerte einen schon fast an Deutschland – nur dass vielen deutschen Gruppen das Herz fehlt, mit dem hier gesungen wird.

Die erste Halbzeit war schwach, Palermo überlegen, Lazio mauerte und hoffte auf einen Punkt. Nach einer guten halben Stunde fiel die verdiente Führung für Palermo per Kopf, in diesem Moment ging das ganze Stadion richtig geil ab, das war Italien pur. Leider ließ es dann wieder nach. Nach der Halbzeit, nach nicht einmal 2 Minuten, fällt das 2:0, ein echtes Traumtor. Wieder gehen die Leute gut ab, tolle Stimmung. Wenige Zeit später erzielt Lazio nach einem Abwehrfehler das 2:1 – zittern war nun angesagt. Die Stimmung war nun fast ausgestorben, einzig die Gruppe im Unterrang war wieder und wieder bemüht. Und es kommt, wie es kommen musste, 5 Minuten vor Abpfiff erzielt Igli Tare (ja, den gibt es noch) den Ausgleich. Ein wirklich toller Spielzug, Pass in den Rücken der Abwehr. Wir machten uns dann auf den Weg, es sollte nichts mehr passieren. Spielerisch das ganze eher Magerkost. Schon bemerkenswert, wie lässig Lazio zu 2 Toren kam, wogegen sich Palermo für seine 2 Tore reichlich abgemüht hatte.

Alles in allem lohnenswerter Ausflug, ein nettes Stadion und dann und wann blitzte das auf, was man gemeinhin als „südländische Begeisterung“ versteht. Leider scheint das durch die viele Gewalt, durch die sinnlosen Gesetze und Beschränkungen (wir mussten bspw. unseren Regenschirm abgeben) und die Medienhysterie ein Ende zu finden.

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