[Hopping] Derby in Krakau

Derby in Krakau

So viel wird über dieses Derby geschrieben und erzählt, da will man sich das eben auch mal ansehen. Lange hatte ich keine große Lust auf Polen, da sich in den dortigen Kurven dem Augenschein nach endlos viele Faschos breit machten, die allen deutlich machen wollten, wie überlegen die weiße „Rasse“ ist. Daneben bin ich auch kein sonderlicher Gewalthopper. Aber irgendwann wollte und musste ich Polen eben auch mal selbst erleben, das bildet sicher besser die eigene Meinung als YouTube-Videoschnipsel, Berichte und Gerüchte.

Wochenlang gab es günstige Flüge für gut 35,- EUR nach Krakau, genauso lange dauerte aber auch, bis der polnische Verband endlich das Spiel terminierte. Kollege Tüte alarmierte per e-mail, als es endlich feststand: Sonntag, 17 Uhr. Perfekt, schließlich spielte der magische BVB Samstag Nachmittag gegen Werder Bremen. Dummerweise waren die Flüge nun von einem Tag auf den anderen deutlich teurer geworden. Aber knapp 80,- EUR plus gut 20,- EUR für das Hotel waren dann doch erträglich. Hin sollte es mit Whizz ab Dortmund gehen. Landung in Katowice. Mitflieger gesucht und in Sticker-Dennis direkt gefunden. Daneben flogen noch Tüte und Tommy mit, die aber keinesfalls im Hotel übernachten wollten, man sei schließlich kein Touri. Arthur und ein Kollege weilten dank Stadionverbot bereits ab Freitag in Polen.

Zwischen Planung und Abflug erfuhren wir dann noch, dass keine Gästefans zugelassen sein würden, was uns schon etwas enttäuschte.

Samstag endlich wieder einen Heimsieg kassiert, 2-3 Bierchen in der Sonne und Sonntag früh aus den Federn. 6:40 Uhr los, Dennis eingesammelt und in Holzwickede quasi neben der Autobahn für lau geparkt. Man ist ja kein Wahnsinniger und zahlt die verrückten Preise am Flughafen. Tommy und Tüte hatten sich endschieden, schon diese Nacht durchzuziehen und sahen sie nach sTUben-Besuch und Flughafen-Übernachtung auch aus. Während wir „Touris“ frecherweise einen Rucksack dabei hatten, reichte es bei den beiden zu einer Zahnbürste in der Jackentasche.

Im Flieger trafen wir dann noch auf den Kollegen Blasczykowski, der samt Freundin nach Polen flog. „Die Wirtschaftskrise ist angekommen, Fußballprofis weichen auf Billigflieger aus!“ – sehe ich schon als Schlagzeile vor mir. Der Flug verlief ruhig, wenn auch etwas unruhig durch Turbulenzen. Wie gut, dass ich fliegen total liebe…..

In Katovice angekommen, stellte ich erst einmal fest, dass ich den Bus dämlicherweise falsch gebucht hatte. Statt einer Busfahrt nach Krakow hatte ich clevererweise eine nach Katovice Zentrum gebucht. Also durften wir 30,- Szloty nachzahlen und landeten dann doch im richtigen Bus.

Bei Ankunft am Busbahnhof fuhren wir per Taxi zu unserem Hotel, wo wir dann feststellten, dass das beste „Etap“-Hotel war, in dem ich jemals nächtigte. Zwei getrennte Betten, ein extra Duschraum mit Toilette, deutlich angenehmer als sonst.

Kurz einchecken, Tasche ins Zimmer und dann zu Fuß auf Erkundungstour in Richtung Stadion. Das Viertel zwischen Hotel und Stadion wird von der örtlichen Universität und den Studentenwohnungen dominiert. Das Stadion selbst war von außen wenig erkennbar, umsomehr die unzähligen Graffitis rund ums Stadion. Nach einem kurzen Rundgang entschlossen wir uns, die Stadt zu erkunden. Also per Taxi für knapp 4,- EUR in die Innenstadt. Und die – vor allem natürlich das historische Zentrum – hat es in sich. Wirklich ein sehr schönes Städtchen mit tollen, alten Bauwerken. Unterwegs trafen wir noch Arthur plus Kollegen, die von ihrer Tour berichteten. Da hatten die beiden doch tatsächlich den gestrigen Tag fast komplett verschlafen und die geplanten Spiele (Katovice und Chorzow) einfach ausfallen lassen. Dafür waren sie dann in Auschwitz, was auf – natürlich – andere Art, beeindruckend war. Wir hatten dafür leider keine Zeit, aber irgendwann werde ich mir das sicher auch mal ansehen. Ungewohnt ernst an dieser Stelle, aber ich finde schon, dass das ein wichtiger Ort deutscher Geschichte ist.

Zurück zum Thema (blöder Bruch, ich weiß): aufgrund des scheiß Wetters beendeten wir die Stadtbesichtigung und zumindest ich beschloss, bald wieder zu kommen und mir die Stadt ohne Fußball anzugucken. Wir zogen uns in einen Pub zurück, wo das Lech (Bier!) frecherweise 10 Szloty kostete, für polnische Verhältnisse nicht gerade günstig.

Von da aus ging es dann endlich zum Stadion, wo uns der Taxifahrer direkt vor dem Gästeblock aussteigen lies. Man bildet sich dann ja immer gleich ein, dass man als Deutscher quasi erkannt und gemustert wird. Ist aber irgendwie quatsch, denke ich. An der Hinterlegungskasse trafen wir dann noch auf weitere Deutsche, die sich später weigerten, ihre Herkunft preiszugeben. Können also nur Blaue gewesen sein.

Dennis und ich suchten uns einen guten Platz im Stadion und harrten der Dinge, die da kommen würden. Zuerst mal ein paar Worte zum Stadion selbst: unsere Plätze befanden sich auf der alten Haupttribüne, die kein Dach hat, dafür herrlich alt ist. Die Rückseite der Tribüne wirkt nahezu klassisch mit ihren Betonsäulen im Oberrang. Hinter den Toren befinden sich zwei neue, überdachte Tribünen und die Gegengerade fehlt derzeit völlig. Das Stadion ist also im Umbau und dieser wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Eine Choreo o.ä. gab es nicht, auch keine Pyroshow, die man als YouTube-Junkie quasi gewohnt ist, wenn man was aus Polen sieht. Für die Gewaltfaszinierten unter uns: wir wurden draußen nicht angegriffen, tausende Gäste tauchten ebenfalls nicht überraschend zwischen den Häuserschluchten auf und die Eingänge wurden ebenso wenig gestürmt.

Dank fehlender Gäste herrschte eine komische, regelrecht skurrile Szenerie, fast, als wäre Hoffenheim zu Gast (huihui, was für eine gemeine Spitze). Auf der Heimtribüne steht ein relativ großes Podest, auf dem neben dem Vorsänger auch zwei „Vortrommler“ postiert sind, also zwei riesige Pauken, auf die eingeschlagen wird. Auf der Tribüne selbst dann auch noch ein paar Pauken.

Zu Beginn wird lauthals von allen drei Tribünen das Vereinslied intoniert. Das verspricht einiges, wird doch wirklich komplett gestanden, jeder hält seinen Schal über den Kopf und alle singen mit – Beeindruckend. Für diejenigen, die noch nie in Polen waren: in Polen werden bei fast allen Vereinen Freundschaften zu anderen gepflegt und auch hochgehalten, so sieht man auch in Krakow viele „fremde“ Schals, die zu den Freunden von Slask Wroclaw oder Lechia Gdansk gehören. Aus Dortmund kennt man das ja inzwischen gar nicht mehr und auch sonst dürfte das eher fremd sein. Es hängt sogar eine große „Slask Wroclaw“-Fahne hinter dem Tor.

Die Gesänge waren von Beginn an sehr laut, aber auch recht eintönig. Einerseits fehlte der Gegner auf der Tribüne gegenüber, andererseits wirkt das ganze fast schon überorganisiert. Vielleicht der Tatsache geschuldet, dass man in Polen erst seit knapp 20 Jahren auf den Tribünen organisiert ist. Ein großer Unterschied zu unseren Fanszenen ist, dass es hier keine Fanclub- oder Ultragruppenbanner gibt. Eigentlich ist immer nur der Verein oder eine Huldigung an den selben zu sehen.

Die erste Halbzeit war fürchterlich, ein sauschlechter Kick, in dem Cracovia völlig überraschend durch einen Sonntagsschuss unter die Latte in Führung geht. Kurz nach Spielbeginn beginnt es zu regnen, zum Glück haben wir kein Dach über dem Kopf. Als verwöhntes Wessi-Hopperschwein ist man das ja quasi nicht mehr gewohnt und jammert über diesen Umstand. In der Halbzeit wärmten wir uns durch hüpfen und Bewegungen im zugigen Tribünengang auf. Dennis bekam noch einen warmen Tee und gegen Ende der Pause gönnten wir uns eine geile Krakauer-Wurst. Derbst lecker, leider entging uns dadurch der Ausgleich. Wir trafen dann noch Arthur und seinen Kollegen (habs echt geschafft immer nur „Kollegen“ zu schreiben, den Namen habe ich eh vergessen). Der Rest des Spiels war nun deutlich besser und vor allem der Wisla-Spieler Malecki fiel auf, der erzielte dann auch gleich nach dem 2:1 Führungstreffer das 3:1, später erhöhte Wisla noch auf 4:1. Am Ende ein verdienter und ungefährdeter Sieg.

Die Stimmung im Stadion war – wie schon gesagt – eher komisch. Einerseits fehlten die Gäste, andererseits waren die Gesänge total krass vom Spielgeschehen entkoppelt Freistoß für Wisla? Scheiß drauf, wir singen irgendwas durch. Selbst der Torjubel haute mich nicht so aus den Socken. Alle jubelten und rissen sofort ihre Schals in die Höhe, um sie über dem Kopf zu schwenken. Ich hätte gar keine Nerven dafür nach einer Führung im Derby. Wenn die Heimseite sang, war es laut und zwar wirklich laut und dazu sehr intensiv. Anders als hier, wo viele Lieder in einem fast schon murmelnden singsang untergehen, brüllt hier die ganze Tribüne zusammen. Das hat mich schon wirklich beeindruckt. Um mir wirklich ein Urteil über „typisch polnische Stimmung“ zu bilden, brauche ich aber sicher mehr als nur ein Spiel.

Bei Youtube gibts eine schöne „Zusammenfassung“ der Stimmung im Wisla-Stadion:

P.S.: Fotos reiche ich morgen nach.

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Eine Antwort zu “[Hopping] Derby in Krakau

  1. altravita

    Also Kuba im Billigflieger finde ich jetzt aber mal ne richtig sympathische Aktion.

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