Fremdschämen deluxe oder wie ich beinahe Fußball-WM auf RTL guckte

Ja, ich gestehe, ich bin ein Fan von Pay-TV, ich zahle gerne ein „paar“ Euro mehr und gucke dafür Filme, Serien, Reportagen und auch Fußball (eher international, in der Liga bin ich ja doch selbst im Stadion) ohne Werbeunterbrechung und zumeist (von Dieter Nickles und anderen Vergewaltigungen abgesehen) recht kompetent vorgetragen. Nun bin ich aber 2 Wochen im Norden Italiens und bin als leidlich Sportinteressierter Mensch auch auf die Fußball-WM neugierig. Natürlich – muss ich gleich entschuldigend und verteidigend sagen – nur wegen des schönen Sports Fußball, die N11 meines Heimatlandes interessiert mich weiterhin eher weniger. Da ich aber hauptsächlich zum Urlaub machen, ausspannen und Sonne genießen (herrliche 31 Grad heute mal wieder) hier bin, läuft der Fernseher und die WM eigentlich nur abends. So entging mir der Leckerbissen des Eröffnungsspiels und ich durfte mich am Klassiker Uruguay gegen Frankreich laben. Frankreich immer noch trainiert vom Nichtskönner Domenech, so ein stoisches Festhalten an einer Pflaume kannte ich bisher nur vom DFB und der Zeit des Hans-Hubert Voigt, Respekt, mes amies francais.

Während mein holdes Weib nun also unseren Junior zu Bett bringt, schalte ich die ARD an. Mhm, da läuft kein Fußball. ZDF auch nicht, komisch, sollte doch gleich um 20 Uhr das zweite Spiel des Abends laufen. Die mühsam erkämpfte aktuelle SZ vom Tage aufgeschlagen und festgestellt: RTL überträgt die WM! Was für ein Schock, ich frage mich, ob ich die letzten Monate in einem Erdloch gelebt habe, dass ich das nicht mitbekommen habe. Muss doch sicher überall gestanden haben, als Bundesliga- und Club-fixierter Mensch entgehen einem also wirklich die dollsten Nachrichten. Nicht nur, dass RTL nun Spiele der WM live überträgt, man hat sich auch ein Kompetenzteam zusammengeholt, da man außer Günter Jauch wohl niemandem dem Publikum vorsetzen konnte, Ulli Potofski vermisst ja auch keiner so richtig. Jürgen Klopp und Jürgen Klinsmann sind als Experten und Verstärkung für die Pflaumen vorgesehen, deren Namen ich schon wieder vergessen habe. Jürgen Klopp? Mhm, da hatte ich doch sogar etwas gelesen, aber aus Gewohnheit wohl ZDF aus RTL gemacht, also im Kopp zumindest. RTL wäre nicht RTL wenn es nicht ein richtig schön prollig-blödes Rahmenprogramm liefern würde. Zunächst gibt es offenbar einen RTL-WM-Truck, mit dem Jauch und Klopp diverse „öffentliches-gucken-Plätze“ abfahren, um dort die schwarzrotgeile Super Stimmung einzufangen. So blöd, dass ich das erst gestern abend realisiert habe, das schreit ja nach Qualität und tatsächlich, zwischen johlenden, gröhlenden und immer besoffener werdenden „Deutschland, Deutschland!“-Schreihälsen, Werbung und extrem behämmerten Reportagen aus Afrika kommt Jürgen Klopp, der zweifelsohne ein Fachmann ist und wohl wirklich etwas zum sportlichen zu sagen hat, dazu, ein paar Sätze zu sprechen. RTL ist ja bekannt dafür, den Zuschauer nicht zu überfordern („Können Sie sich nicht schwarzgelb anmalen, damit sie aussehen wie ein Fan? Wenn sie so zivil sind versteht der Zuschauer das nicht!“ immer noch mein Lieblingssatz eines RTL-Schnösels) und das passiert auch an diesem Abend garantiert nicht. Wer garantiert echte und nienicht gestellte Reportagen aus Köln-Kalk, Nannys und Dieter Bohlen liebt, der wird sich gestern gefreut haben, einen echten schwarzen Medizimann gesehen zu haben. In einer super Schalte nach Südafrika springt irgendein dämliches Mäuschen durch die Gegend und brabbelt in wenigen Sekunden etwas zu Land und Leute (Schnitt, Flugzeug, Landung, Bericht, Schnitt, Weiterflug) – wie gesagt, darf nicht zu kompliziert werden. Am Ende findet sie natürlich den Medizinmann, der gleich Poldis (da sind wir wieder bei Jugendbanden aus Köln-Kalk) Schuhe verzaubert. Herrlich, die nächsten Wochen versprechen noch einiges an Stereotypen vom schwarzen Kontinent. Aber hey, anders verstehts der Zuschauer schließlich nicht, ne?

Achso, WM geguckt hab ich dann doch nur so halb, abgesehen davon, dass ich nur von Klopp mal was zum Spiel mitbekam, war der Kick inklusive Bienenschwarm sowas von langweilig.

Und wo ich gerade dabei bin: dieses Dauergetröte nervt so dermaßen, das geht gar nicht. Wer mir da dann noch (huhu sg.de-Forum) erzählen will, dass sei heimische Fankultur und wir hätten das gefälligst zu respektieren, dem sei gesagt, dass auch die Trötenbläser respektieren könnten, dass es Nationen gibt, die das Spiel ihrer Mannschaft gerne anders begleiten möchten als per Dauertröten. Das werden sie aber gar nicht können, da ihnen der Marsch geblasen wird und sie bei den Spielen untergehen werden. Schade, ich hatte zumindest bei Spielen der Engländer, der Dänen, Südkoreaner, Japaner und Südamerikaner auf etwas Atmosphäre gehofft. 2006 fand ich ärgerlich und respektlos, wenn deutsche Affen lautstark „Deutschland“ gröhlten, während unten auf dem Platz die Ukraine gegen Italien spielte und so geht es mir auch, wenn ich Frankreich gegen Uruguay sehe und ich weder Südamerikaner noch Franzosen vernehmen kann. Wenn das dann noch bei den Nationalhymnen passiert, ist es so richtig daneben. Aber ok, als Fernsehzuschauer nervts mich einfach nur ein wenig, wenn ständig die Tröten zu hören sind, als Fan einer Nationalmannschaft vor Ort würde es mich wohl so richtig aufregen.

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Eine Antwort zu “Fremdschämen deluxe oder wie ich beinahe Fußball-WM auf RTL guckte

  1. Sehr feiner Artikel Herr V.! Ich habe mich auch gewundert das, dass Spiel auf RTL zu sehen ist, aber da haben wohl die GEZ-Gebühren nicht für alle Spile gereicht…

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